Du denkst zu viel-und nennst es Selbstbewusstsein
- Martin Juch

- 7. Nov. 2023
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 29. März
Nach meinem letzten Post wurde ich gefragt, wie das Mentale mit dem Selbstbewusstsein zusammenhängt.
Diese Frage lässt sich nicht in drei Sätzen beantworten.
Und genau das ist das Problem: Wir versuchen, komplexe innere Mechanismen mit ein paar klugen Gedanken zu lösen.
Ich selbst habe lange gebraucht, bis ich mir meines SELBST bewusst wurde.
Diese Klarheit entstand nicht über einen spirituellen, religiösen, esoterischen oder meditativen Weg.
Sie entstand über meinen Verstand. Ich habe gelernt, ihn anders zu nutzen und seine Funktionsweise zu beobachten.
Sich mit dem SELBST zu beschäftigen, hat nichts mit philosophischer Spielerei zu tun.
Es verändert die Perspektive auf das eigene ICH in dieser Welt.
Die inneren Kämpfe mit diesem Kobold – dem EGO – im Kopf enden.Ebenso die Kämpfe mit dem, was wir im Außen erleben.
Lebenskrisen – egal welcher Art – verlieren an Schwere.
Das Ego ist allerdings trickreich genug, sich immer wieder zu melden. Dazu später mehr.
Über Jahrzehnte hinweg habe ich an mir gezweifelt.
Ich hielt mich für nicht gut genug und neigte dazu, mich selbst und andere zu kritisieren, zu bewerten – oft abzuwerten – und zu vergleichen.
Ein sauberer Teufelskreis.
Mein damaliger Versuch, daraus auszubrechen, bestand darin, mich selbst wichtiger zu nehmen.
Das wirkte nach außen arrogant und überheblich. Ich stellte mich über andere.
Im Kern verschiebt man damit nur den Regler von einem Extrem ins andere.
Ein echtes Gespür für das eigene SELBST entsteht so nicht.
Erst als mein Körper erkrankte, begann ich, mich ernsthaft mit meinem EGO und meinem SEIN beziehungsweise SELBST auseinanderzusetzen.
Dramen wirken oft wie ein Katalysator.
Sie bringen uns dazu, uns überhaupt mit uns selbst zu beschäftigen – und über uns nachzudenken.
Der Philosoph Hans Blumenberg formulierte es treffend:
„In der Nachdenklichkeit liegt ein Erlebnis von Freiheit.“
Zu Beginn meines Weges erhielt ich zahlreiche Ratschläge:
Ich solle mich selbst lieben und akzeptieren.
Dankbar sein.
Mich nicht vergleichen.
Mich um mich selbst kümmern.
Selbstfürsorge betreiben.
Mir realistische Ziele setzen.
Mich mit meinen Stärken und Schwächen auseinandersetzen.
Und so weiter.
Nur: Was heißt es, sich selbst zu lieben?
Was ist Liebe – und was genau ist das SELBST?
Wem soll ich dankbar sein?
Meinem ICH, meinem EGO oder meinem SELBST?
Was bedeutet Selbstfürsorge konkret – und was ist überhaupt „realistisch“?
Wo fängt man an, dieses Knäuel im Kopf zu entwirren?
Beginnen wir beim ICH:
Das ICH ist ein Gebilde aus Körper und Verstand.
Dieser Verstand ist neugierig und will verstehen.
Gleichzeitig steckt er in einem Dilemma.
Einerseits will er alles erklären und begründen – und das kann er hervorragend.
Er erklärt, warum wir fest auf dem Boden stehen und warum Gegenstände herunterfallen.
Und dann beginnt er, Entscheidungen erklären zu wollen, die sich nicht erklären lassen.
Nicht, weil er es kann – sondern weil er es nicht aushält, etwas nicht zu wissen.
Ein Bewerber wird abgelehnt, obwohl er hervorragend qualifiziert ist.
Ein Lieferant wird nicht gewählt, obwohl das Angebot perfekt ist.
Nennen Sie es Intuition oder schlicht:
„Es passt nicht.“
Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.
Der Verstand wird auf zwei Arten genutzt.
Von der zweiten empfehle ich Ihnen, sich zu trennen.
Zum einen ist er genial.
Er erschafft Kunst, entwickelt Lösungen, stellt Fragen.
Er wäre sogar in der Lage, die eigenen Gedanken zu hinterfragen –
Glaubenssätze,
Überzeugungen,
Erwartungen.
Wenn wir ihn denn lassen.
Zum anderen erschafft er das EGO – diesen nörgelnden Kobold im Kopf.
Dieses EGO produziert pausenlos Geschichten.
Und jede einzelne hat denselben Kern:
Angst.
Es erwartet das Beste oder das Schlimmste.
Es fordert Respekt und Anerkennung.
Es wird schnell wütend, kontrolliert gerne, will alles im Griff haben, ist misstrauisch und sichert sich ständig ab.
Vor allem aber hat es kein Vertrauen in das eigene Selbst.
Dieses EGO konstruiert unentwegt Szenarien und verkauft dir Kontrolle als Sicherheit.
Und du kaufst es – jeden Tag.
Es engt das ICH ein, dominiert es – und hat keinerlei Interesse am SELBST.
Im Gegenteil: Es verhindert, dass sich das SELBST durch das ICH entfalten kann.
Das EGO nutzt deinen Verstand nicht.
Es missbraucht ihn.
Vereinfacht gesagt:
Das EGO steht zwischen dem ICH und dem SEIN.
Das SELBST:
Das SELBST – oder SEIN – lässt sich nicht denken.
Du kannst es nicht erklären.
Aber du merkst sofort, wenn du nicht im Kontakt damit bist.
So wie bei Liebe.
Oder bei dem, was viele „Gott“ nennen.
Wenn du mit diesem Wort nichts anfangen kannst, nenne es „allumfassende Intelligenz“.
Formulieren wir Selbstbewusstsein einmal anders:
Das SELBST weiß um sein SEIN.
Oder: Es ist sich seiner selbst bewusst.
Nehmen wir an, dieses SEIN ist unendlich.
Ohne Anfang, ohne Ende.
Ohne Raum, ohne Zeit.
Beweisen lässt sich das nicht.
Viele Menschen haben jedoch zumindest das Gefühl, dass da mehr ist als dieses Ich, das in Zeit und Raum existiert.
Das Wort „Gott“ ist historisch überladen und vielfach missbraucht worden.
Es gibt keinen strafenden und keinen belohnenden Gott.
SELBST, SEIN, GOTT – das sind Begriffe für etwas, das sich nicht greifen lässt.
Man kann es nicht erklären.
Nur erfahren.
Versuchen wir, das SELBST näher zu beschreiben:
Es ist in sich vollständig.
Es kann weder vergrößert noch verkleinert werden.
Es kann weder gestärkt noch geschwächt werden.
Und genau deshalb kann es sich außerhalb von Raum und Zeit nicht selbst erfahren.
Dafür braucht es das ICH.
Der Verstand arbeitet permanent – das ist seine Natur.
So wie ein gesundes Auge sehen will.
Du kannst ihn nicht abschalten.
Aber du kannst ihn anders einsetzen.
Drehe den Spieß um:
Nicht das Ego nutzt den Verstand –der Verstand durchschaut das Ego.
Er prüft jede Aussage.
Und in vielen Fällen fällt sie in sich zusammen.
Wenn du dem Ego nicht mehr folgst, verliert dieses permanente Stimmengewirr im Kopf an Kraft.
Wie Hintergrundmusik in einem Kaufhaus, die du irgendwann nicht mehr wahrnimmst.
Wege im Alltag zum Selbstbewusstsein
Nutze deinen Verstand und überprüfe jede Aussage, die das Ego über dich trifft.
Die meisten dieser verinnerlichten Überzeugungen fühlen sich wahr an –überprüfst du sie, bleiben sie erstaunlich oft nicht stehen.
Du kannst dem Kobold die Grundlage entziehen.
Und dann beginnt etwas anderes:
Du spürst dein SELBST.
Alles, was wir mit diesem Wort verbinden:
Selbstbewusstsein
Selbstsicherheit
Selbstbefreiung
Selbstverantwortung
Dein ICH in dieser Welt wird es dir danken.
Es beginnt, aus diesem Kontakt heraus zu handeln – ohne sich ständig rechtfertigen zu müssen.
So viel zur Theorie.
In der Praxis wird es unbequem.
Weil du Dinge infrage stellst, die du jahrelang für selbstverständlich gehalten hast.
Wir haben das nie gelernt.
Wenn jedoch dieses leise Gefühl da ist –„Irgendetwas stimmt hier nicht“ – dann bist du bereits auf der richtigen Spur.
Auch ich mache täglich meine Erfahrungen.
Manche begrüße ich.
Bei anderen frage ich mich: Warum jetzt das?
Und ja, auch bei mir meldet sich das Ego gelegentlich zurück.
Es ist verärgert,
fühlt sich getäuscht
oder sieht Erwartungen nicht erfüllt.
Es ist kein Rückschritt.Es ist einfach das alte Muster, das nochmal auftaucht.
Die Frage ist nur: Steigst du wieder ein – oder nicht?
Die Menschen, die in den letzten 20 Jahren zu mir gekommen sind und sich darauf eingelassen haben, haben nicht nur körperlich profitiert.
Auch ihre Stresssymptome verschwanden.
Es ist kein plötzlicher „Erleuchtungsmoment“.
Kein großer Knall.
Es ist ein schrittweiser Positionswechsel.
Mit Rückschlägen.
Es geht nicht um Perfektion oder Erfolg.
Es geht um Hingabe.
Überträgt man dieses Verständnis in Unternehmen, verändert sich die Dynamik spürbar.
Wenn sich Mitarbeiter:innen mit ICH, EGO und SEIN beschäftigen, passiert Folgendes:
Der innere Kobold wird leiser.
Überzeugungen,
Erwartungen und
Bewertungen verlieren ihre Wirkung – sie werden nicht ersetzt, sondern fallen weg.
Mit ihnen verschwinden Sorgen und Ängste.
Kommunikation wird plötzlich einfach.
Weil niemand mehr um den heißen Brei herumredet.
Ein Beispiel:
Wenn ich einen Misthaufen als Misthaufen bezeichne, dann, weil er einer ist.
Wenn eine Aufgabe unerledigt ist, dann ist sie unerledigt.
Darin liegt keine Bewertung – und Begründungen sind oft nebensächlich.
Handlungen entstehen aus der Sache heraus.
Nicht aus Motivation.
Das Bedürfnis nach Anerkennung verliert an Bedeutung.
Respekt entsteht von innen.
Man steigt aus dem Spiel der Befindlichkeiten aus.
Herausforderungen werden angenommen – auch unangenehme.Handlungen entstehen nicht mehr aus Wut,
Angst oder
Rache.
Man muss niemanden mehr überzeugen.
Und stellt die eigenen Entscheidungen nicht permanent infrage.
Führung entsteht – ohne sich als „führend“ zu inszenieren.
Zusammengefasst:
Der Blick richtet sich wieder auf das Eigene – und erst dann nach außen.
Der Versuch, ausschließlich das Außen zu verändern, führt zu überschaubaren Ergebnissen.
Und wenn man ehrlich hinschaut, funktioniert dieses Spiel schon lange nicht mehr besonders gut.
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